23. Mai 2009: Jedermann-Version des belgischen Frühjahrsklassikers in den Ardennen.
Der Wecker klingelte um 4:15 Uhr, was meistens heißt, es ist Marathonzeit und richtig, die Jedermannversion des stand auf dem Programm. Gegen 6 Uhr erreichten wir den Start in Spa, der so geschichtsträchtigen belgischen Stadt. Entsprechend gibt sich auch das Stadtbild mit vielen Denkmälern. Ein Denkmal, und zwar eins im Radsport, ist auch der Fleche Wallone, berühmt berüchtigt für seine schweren Anstiege in den Ardennen. Die Jedermannversion geizt nicht mit Anstiegen, sondern nimmt auch einige mit, die nicht auf dem Streckenplan des Profirennens zu finden sind. Deshalb ist die JM-Version von den Eckdaten auch schwieriger als die der Profis, obwohl mit der Mauer von Huy der berühmteste Profi-Anstieg nicht dabei ist. Trotzdem gilt es 210 km mit 3835 Höhenmetern zu bewältigen.
Vom Start weg rollten wir bei bestem Wetter motiviert auf den ersten Kilometern durch Spa, wo unsere Fahrt dann beinahe schon früh ihr Ende gefunden hätte. Aus einer Seitenstraße übersah uns bei tief stehender Morgensonne ein Kleintransporter, der somit einfach auf die Straße einbog, ohne uns zu beachten. Trotz Ausweichmanöver touchierte mich der Wagen am Hinterrad. Nach der Erholung vom ersten Schreck und dem Begutachten des Sportgeräts viel uns trotz des deutlich hörbaren und für mich auch fühlbaren Kontakts kein entstandener Schaden auf.
Also nahmen wir die Fahrt wieder auf und bewältigten mit der Côte de Hautregard wenig später den ersten von insgesamt 20 Anstiegen. Ist dieser Anstieg den meisten wohl nicht bekannt, so wird es der nächste wohl sein: Die Cote de la Redoute ist einer, wenn nicht der bekannteste Anstieg in Belgien. Dies liegt weder an der Schönheit (überschaubar), noch an der Schwierigkeit (trotz 21 % auf einigen Metern bei weitem nicht der schwerste des Tages), sondern an der Radsportgeschichte. Schließlich galt die Redoute jahrzehntelang als Scharfrichter des Klassikers Lüttich-Bastogne-Lüttich und hat so für viele große Entscheidungen gesorgt. Auf mich machte sie jedoch nicht den erwartet schwierigen Eindruck, was einerseits am frühen Zeitpunkt (nach schon 17 km), andererseits aber an dem Versprechen meines Mitfahrers Martin, es kämen noch deutlich schwerer Brocken, was auch die Wertigkeit auf der Startkarte nahe legte.
Und so fuhren wir durch die hügeligen Ardennen, passierten die erste Kontrolle auf der Cote des Hestreux und schlossen uns hin und wieder kleineren Gruppen an um die Flachstücke besser hinter uns zu bringen. Mit einer dieser kleineren Gruppen, die uns in etwas schnellerem Tempo überholte, fuhr auch ein Fahrer des RSC Untermosel. Dieser entpuppte sich bald als ein alter Bekannter, nämlich unser ehemaliger Trainer Jozef Wajerski. Fortan fuhren wir die gesamte Strecke mit ihm zusammen. Von seiner (dieses Jahr seine 7. Teilnahme) und Martins Erfahrung () geleitet fuhren wir nun in lockerem Tempo weiter und ließen den ein oder anderen passieren, wohl wissend, das der bei weitem schwerste Teil der Strecke auf den letzten 50 km wartete. Obwohl die Strecke immer voller wurde und auch bei den vorherigen Kontrollen einiges los war, bot sich uns bei Kontrolle 3 in Petit Thier ein unerwartetes Bild: Stau. Eine kaum überschaubare Masse Rennradler stand für den Wassernachschub, Verpflegung und den obligatorischen Stempel an.
Doch hier gab es für uns kein einfaches weiterfahren, denn von nun an sollte es heftig werden und ich war gespannt, wie ich die kommenden Anstiege bewältigen würde, da ich schon den ganzen Tag aufgrund einer leichten aufkommenden Erkältung versuchte ruhiger zu fahren.
Nach 168 km erreichten wir Stavelot, wo es nach einer steilen Abfahrt scharf links abging und noch mal steiler wieder bergauf. Wir befanden uns im schwersten Anstieg des Tages, der Cote de Stockeu, ebenfalls bekannt von Lü-Ba-Lü (auch als La Doyenne). Es lief bei uns dreien sehr gut, im Gegensatz zu vielen anderen, die ihre Rennmaschinen schiebend gen Gipfel bewegten. Wenn auch noch nicht ganz oben, gab es im Anstieg einen Pflichtstop am Denkmal von Eddy Merckx. Nach dem Auftakt der Trilogie der schwersten Anstiege, folgten nun die nicht weniger schweren und ebenfalls bekannten Cote de Wanne und Thier de Coo. Hier wiederholte sich jeweils das Bild von der Stockeu: Wir kamen gut durch und überholten unzählige langsame, oder gar schiebende Mitstreiter. Auf dem Gipfel von Thier de Coo wartete dann die letzte Kontrolle, bevor man die letzten 25 km mit zwei weiteren Anstiegen bezwingen musste. Auf der „Passhöhe“ des Col du Rosier war dann das gröbste geschafft und wir wurden zum Schluss mit einer schönen Abfahrt belohnt, die zur Abwechslung mal nicht mit Schlaglöchern übersäht war.
Fazit: Die Jedermannversion des Fleche de Wallonie ist wirklich eine lohnenswerte Veranstaltung, die man mal gefahren sein sollte. Die anspruchsvolle Strecke, die landschaftlich schönen Ardennen, die radsportverrückten Belgier (knapp 3000 Starter) und die niedrige Startgebühr sind Argumente diese Tour zu fahren. Eventuell auch wieder 2010?
Martin Reis
Bilder vom Walonischen Pfeil 2009 (#40)

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