Brevet Köln 2010

 

„29. Mai – Mal eben mit dem Rad rund um den Ruhrpott“

Für meinen ersten Saisonhöhepunkt, das 20-Stunden-Rennen in Fell Ende Juni, suchte ich noch eine geeignete Veranstaltung, die im Vorfeld als überlange Ausdauer-Einheit und abschließenden Test herhalten sollte.
Der „400er“ der Brevetserie der „Randonneure“ in Köln-Brühl kam mir sofort ins Gedächtnis, aus dem letzten Jahr hatte ich diesen noch in sehr guter Erinnerung. Der Termin Ende Mai passte auch gleich perfekt in meinen Kalender und die vorherigen Distanzen von 200 und 300 Kilometern waren ebenfalls schon absolviert. Mit von der Partie war auch wieder Paolo Ferrara, der noch den 300er mangels Zeit aussetzen musste.

Nach einer sehr kurzen Nacht machten wir uns wie gewohnt in den frühen Morgenstunden im großen Gruppenverband von der Sporthalle in Brühl auf den Weg und bei noch recht frischen Temperaturen rollte man sich langsam warm. 400brevet1Die ca. 60 Mann starke Gruppe kam auf den tellerflachen Straßen gut voran, der Rhythmus wurde nur gelegentlich von den zahlreichen Ampeln unterbrochen. Den Windschatten der Vordermänner genießend brachten wir so schnell und Kraft sparend die ersten 125 km bis zu Kontrolle 1 in Xanten hinter uns. Hier wurde per Fähre auf die andere Rheinseite übergewechselt und in weiterhin zügigem Tempo die Fahrt durch den Naturpark Hohe Mark fortgesetzt.
So sehr das Windschattenfahren im großen Pulk auch seine Vorteile hat, so sehr bemerkten wir an diesem Tag auch dessen Nachteile. Gleich an mehreren Stellen forderten abrupte Brems- oder Abbiegemanöver an der Spitze die Aufmerksamkeit der Fahrer im hinteren Teil des Feldes heraus und es kam zu einigen nervenaufreibenden Aktionen.
Bei Km 140 im Ort Wesel kam es dann schließlich so, wie es kommen musste und eine Vollbremsung zwecks falschen Abbiegens endete in einem Sturz. Eben noch bei Tempo 30 auf gerader Straße unterwegs ging ein Fahrer vor mir plötzlich voll in die Eisen und ich konnte gerade noch reflexartig nach links ausweichen. Mein Hintermann hatte weniger Glück. Er raste mir mit lautem Krachen voll ins Hinterrad und flog unsanft auf den Asphalt. Für ihn ging es glücklicherweise nach kurzem Schock mit nur ein paar Prellungen und Schürfwunden weiter, bei meinem Hinterrad waren zwei Speichen futsch und die Weiterfahrt schien gelaufen.
Doch ich hatte Glück im Unglück und direkt um die nächste Straßenecke fanden wir ein Radgeschäft, wo man das Rad mit Ersatzspeichen ausstattete. Es konnte also doch weitergehen.
Im 6-Mann-Trupp um Paolo und mich – die anderen waren inzwischen weitergefahren – machten wir uns nach dieser ungewollten Verzögerung entspannt weiter in Richtung Lüdinghausen (Km 213), wo die zweite Kontrollstation bzw. Tankstelle wartete. Wenig später, im Nachbarort Nordkirchen, lud uns wie schon im vergangenen Jahr einer unserer Begleiter spontan zu sich nach Hause ein, denn die Strecke führte direkt dort vorbei. Reichlich leckere Nudeln und Getränke ließen den Sturz schnell vergessen und sorgten am frühen Nachmittag wieder für volle Mägen und super Stimmung bei uns allen.

Bestens gestärkt konnte nun die zweite, weitaus schwerere Streckenhälfte kommen. Über Lünen und Unna stießen wir in die Randbezirke Dortmunds vor und fuhren nahe Schwerte auch ein kurzes Stück entlang der Ruhr, welches ich schon von der Ferientour des vergangenen Jahres kannte.  
400brevet2Langsam aber sicher wurde es jetzt immer hügeliger, das „Bergische Land“ mit seinen verkehrsarmen Landstraßen und idyllischen Dörfern war nicht mehr weit. Einige längere Anstiege standen außerdem bevor, wie z.B. der nach Lüdenscheid (Km. 304), was bei mir ein etwas mulmiges Gefühl auslöste, da ich heute nicht meinen besten Tag hatte. Schon den ganzen Tag waren die Beine etwas schwer und auch sonst wollte es einfach nicht richtig „rollen“.
„Die Berge sind dein Terrain“, sprach ich mir andauernd motivierend zu und hoffte darauf, dass sich meine Müdigkeit bald in Luft auflöste. Und tatsächlich ging es mir mit zunehmender Fahrt immer besser und ich fand bergauf immer einen guten Rhythmus.

Gegen 21 Uhr, nach einer längeren Abfahrt und kurz hinter Lüdenscheid, legte unsere Gruppe nochmals eine Zwischenrast bzw. „Kaffeepause“ ein, denn unsere Energiespeicher gingen zur Neige und bis zur letzten Kontrolle in Siegburg (Km 380) war es noch weit. Ab hier mussten wir auch unsere Beleuchtung anwerfen, denn es wurde allmählich dunkel.
Pünktlich mit der Dunkelheit setzte auch leichter Nieselregen ein und die Temperaturen kühlten merklich ab. Dummerweise hatte ich nur eine dünne Windjacke dabei, hatte ich doch noch morgens am Start auf anhaltend gutes Wetter gewettet. Alles murren half jedoch nichts, denn es musste ja weiter gehen.
Die letzten ca. 70 km sollten es am Ende in sich haben und unser Durchhaltevermögen gehörig strapazieren. Das Wetter zeigte sich von seiner „besten Seite“ und wir mussten nicht nur mit der schlechten Sicht in stockfinsterer Nacht, sondern auch mit immer stärker werdendem Platzregen fertig werden, was unser Tempo deutlich verringerte. Völlig durchnässt und frierend erreichten wir gegen Mitternacht Siegburg und genossen die kurze Pause im Trockenen. Jeder wollte jetzt nur noch unter die warme Dusche und die verbleibenden ca. 33 km bis Brühl nagten schwer an unserer Moral.
„Augen zu und durch!“, hieß es dann nur noch und wir fuhren wortlos und so schnell es ging weiter. Zu allem Überfluss zwang uns noch ein Plattfuss zu einer erneuten Pause, bei immer noch strömendem Regen war die Motivation nun endgültig am Tiefpunkt angelangt.

Über die Friedrich-Ebert-Brücke überquerten wir nach 390 gefahrenen Kilometern den Rhein und die letzten Kilometer bis zur Sporthalle in Brühl zogen sich schier endlos dahin. Restlos erledigt war dann um gegen 01:30 Uhr, nach 414 Gesamtkilometern und 15:20 Stunden Fahrzeit, endlich Schluss und die wohlverdiente Dusche wartete im Ziel.

Fazit: Wie schon im vergangenen Jahr eine schöne Tour und optimale Vorbereitung auf meine kommenden Langdistanzen. Diesmal war es durch das Wetter jedoch wesentlich Kräfte zehrender und auch mental anstrengender. Die 600 km werde ich erneut auslassen wegen der Nähe zum Rennen in Fell, ein Wiedersehen im nächsten Jahr wird es aber ganz sicher geben.

Martin Schäfer

"Bilder zum 400er Brevet Köln" (#12)

tbn400brevet

 


zurück