'Tour de France'-Pässetour 2010

 

27.-29. Juli 2010 – Tour zu den berühmten "Tour de France"-Pässen der französischen Alpen.

Bekanntlich hatten wir uns seit Jahren mit den Alpenpässen der Tour de France befasst. Die schiere Länge der Strecken und die Höhe der Gipfel hatten die Vorstellung belebt, so etwas einmal zu fahren. Immer wieder hat irgendetwas gehindert, aber 2010 waren wir uns darüber einig, das müsse aus dem Kopf heraus und das muss im Sommer sein, so gegen Ende Juli. Geplant ist so etwas schnell, am besten an einem Ort, wo einige Pässe schnell erreichbar sind. Dabei muss man in den Alpen bedenken, dass die Anfahrwege unabhängig von der Kilometerangabe aufgrund Topographie und Verkehrshindernissen immer länger sind als man es gerne hat. Wir hatten ein enges Zeitkonzept und die Plannamen Alp d’ huez und Galibier. So fuhren wir dann gut 800 km nach Saint Jean de Maurienne, besser gesagt in den Teil Sainte Marie du Cuines und legten uns nach einem ausgiebigen Abendessen ins Etap Hotel. 60m von der Autobahn bei offenem Fenster mit der Konsequenz einer Lärmunterbrechung ab 4.45h. Der Blick aus dem Fenster auf satt grün bewaldete Höhen in Richtung Süden und einen tiefen Taleinschnitt, der auf den Col de Glandon (1924 m) führt. Wir hatten uns entschieden mit dem Col du Galibier (2645 m) anzufangen, der von zwei Seiten zu befahren ist.

Wir sind morgens bei Zeit auf den Galibier und haben auf etwa gut 2500 m Höhe irgendwo geparkt. Räder raus und ab Richtung Col du Lautaret/Briancon ins Tal über die sehr raue Straße mit einem Schnitt von über 51 km/h in den Abgrund. Und dann nach kurzer Pause das ganze wieder rauf. Gletscher und Schneereste im Blick mit vielen Radfahrern, nur wenigen Autofahrern und Steigungen bis 10% immerzu bergauf, bergauf…, da kann kein Tritt ausgelassen werden, sonst bleibst du stehen.10frankr1 Die Straße ohne Leitplanken oder sonstigen Schutz. Man fragt sich, mit welchem Wahnsinn die Profis sich auf einer solchen Strecke ins Tal stürzen. Das Wetter war phantastisch. Sonne und Wind bei angenehmen Temperaturen sogen den Schweiß sofort vom Körper. Es war einfach nur klasse. Und so schlängelt man sich da rauf, beißt sich geradezu an der Straße Meter für Meter nach oben. Am Denkmal für den Gründer der Tour de France, Henri Desgrange, vorbei und an einer Besonderheit des Galibiers, dem etwa 100 m unterhalb des Gipfels befindlichen, aber für Radfahrer gesperrten Tunnels. Und dann denkst du, du bist schon oben und dann wird es richtig „frackisch“ bis du da oben auf dieser völlig kahlen Höhe bist und nach beiden Seiten ins Tal hinab schaudern kannst.

Eine kurze Gipfelrast. Etwa 2 km unterhalb des Gipfels hatte sich ein Italiener zu uns gesellt, der auch ein Foto machte. Das hat er ganz toll hinbekommen uns beide unter dem Schild vom Galibier, aber so, dass man das Schild selbst nicht lesen kann. Toll! Aber der Italiener war wegen was anderem gut, denn wir sprachen darüber, dass wir am Folgetag nach Alpe d’ Huez wollten und da hat der Mann uns mitleidig angesehen und gemeint, wenn überhaupt, dann aber ganz früh am Morgen, weil das ansonsten Unsinn sei. Darauf kommen wir nachher noch einmal zurück.
Wir fuhren dann auf der wesentlich längeren Nordseite bergab mit einem Schnitt von 38. Kurven, Verkehr und Wind hinderten ein schnelleres Abfahren. Dann haben wir zuerst einmal Mittagspause gemacht. Danach von der Nordseite auf den Galibier gekrabbelt mit kleinen Gängen und rundem Tritt in zunehmend dünnerer Luft. Begleitet von motivierenden Aussagen. Zwei Originaltöne Linus: „wenn man dran denkt, dat die bei der tour de france doppelt so schnell hier rauf fahren…“ aber auch: „wir haben aber erheblich mehr Radfahrer überholt als uns überholt haben…“ Und so standen wir dann wieder oben. In glatten Zahlen:

1. 8,65 km in 50 Minuten mit einem Schnitt von 10,4
2. 16,5 km in 90 Minuten und einem Schnitt von 11

Das war früher als gedacht und wir fühlten uns besser als gedacht. Also wurde entschieden, wir schauen uns Alpe d’ Huez (1860 m) an, insbesondere eingedenk der zunächst nicht ganz verstandenen Äußerungen unseres italienischen Fotografen. Eine ätzende „Gurkerei“ vom Col du Lautaret Richtung Le Bourg-d’Oisans und dann kommen wir mitten rein in das, was der Italiener uns sagen wollte. Autos ohne Ende, Dreck, insbesondere die Auspuffgase der Lkw’s, die sich auf der Straße nach Alpe d’ Huez heraufschraubten. Es fand eine große Triathlon Veranstaltung statt. 10frankr2Deshalb fuhren viele Radfahrer herauf. Nach der 3. Kurve sahen wir die ersten, die ihre Räder schoben. Danach praktisch jeder 4. mit dem Fahrrad zu Fuß, der Rest quälte sich durch den Spätnachmittag und die abgaspustende Autoschlange den Berg herauf und trotz einiger Verpflegungsstationen zwischendrin, konnte man sehen, dass das ganze Unsinn war. Da oben zig1000e von Autos, irgendwelche Triathleten liefen um ein Gewässer herum, Verkehr ohne Ende, Autos, Fahrräder, Menschen, Staub, Absperrungen. Es war ätzend! Deshalb so schnell als möglich wieder herunter. Da sieht man noch mehr Absteiger, bei denen man sich – je mehr man zu Tal kam – je häufiger die Frage gestellt hat, wie viel Stunden die denn noch da rauf laufen wollten bei diesem Dreck und Verkehr und deshalb wurde schnell klar, das lassen wir sein. Im Tal angelangt sofort die Alternativplanung.

Am nächsten Tag vom Hotel über Saint Jean de Maurienne auf den Col de la Croix de Fer (2067 m) und über den Glandon ins Tal zurück, macht 68 km, eine große Runde mit Steigungen bis 10% und mehr als 30 km Länge und einer z. T. gefährlichen Abfahrt auf 20 km. Das fuhren wir uns dann anschauen, so zum Col de la Croix de Fer an einem riesigen Stausee vorbei auf den Gipfel mit ein paar wunderschönen Blicken ins Tal und dann ab Richtung Hotel. Gutes Abendessen mit Fernsehen im Hintergrund und da sagte Linus schon: „Moment, habe ich da eben richtig gesehen; das sah aus als wenn es da, wo wir morgen sind, regnen würde.“ Heiter und fröhlich ins Bett, Fenster zu, damit wir ruhig schlafen, Wecker gestellt, um früh herauszukommen und dann Laden auf mit skeptischem Blick nach draußen. Die schönen begrünten Hügel waren von tiefen Wolken umsäumt und es begann heftigs zu regnen oder wie wir zu Hause sagen: „et hat geschott bei aus amere“. Wir haben beschlossen zunächst einmal zu frühstücken: Der Regen hörte nicht auf, so dass wir von unserem Vorhaben Abstand nehmen mussten. Aber man hat nicht nur einen Plan B, sondern auch einen Plan C. Also fahren wir zunächst nach Westen und sehen, ob das Wetter besser wird.

Beim Abzweig auf den Col de la Madeleine (1993 m) war es immer noch schlecht und nass. Deshalb zum Col de Porte, weil wir den aus dem schlauen Buch kannten, zwischen Grenoble und Chambéry. Da gibt es den ersten richtigen Alpenpass, 1907 erstmals gefahren. Wir kamen von Norden. Von Chambéry nach Saint Laurent du Port. Ein paar Meter höher haben wir uns auf einem Parkplatz umgezogen, die Räder rausgeholt und sind durch den nassen Wald bergauf gekrabbelt. Der Col du Port ist zwar nur 1326 m hoch aber man fängt auch unten ganz tief an, so dass man auch hier über 1000 Höhenmeter hat. Das wurde und wurde nicht trocken, wir schwitzten wie verrückt und das feuchte Außenwetter konnte den Schweiß nicht aufsaugen, so dass wir oben richtig nass am ganzen Körper ankamen. Die Absicht, auf der südlichen Seite nach Grenoble oder jedenfalls bis zu einem vorgelagerten Ort abzufahren, dann wieder rauf, haben wir nach 3 km aufgegeben, weil die Straße repariert wurde und frisch abgesandet war. 10frankr3Man fuhr zeitweise wie durch einen Sandstrand. Das war auch viel zu gefährlich. Also wieder raufgekrabbelt auf den Col de Porte und dann war da ein Schild Le troi sommets, also die 3 Spitzen – eih, fahren wir da einfach mal hin. Auf einmal waren wir an der französischen Schneeforschungsstation und man sah so gar nicht wie es weiterging. Also ein paar Leute gefragt und die Auskunft bekommen, ja da geht es ein bisschen runter aber dann auch ein bisschen rauf, so ca. 2 km. Und auf Nachfrage: Nein, da oben gibt es nichts zu essen und zu trinken. Nach 2 km habe ich einmal angehalten um ein paar Fotos von dem Tal zu machen. Linus war schon weg und ich hinterher. Dann fing es erst richtig an. Mir schien das, ständig wie die Kehriger Straße hinter der Bäckerei Pleinen den Berg raufzugehen, vielleicht einmal ein kleines Stück etwas flacher und dann wieder in eine Serpentine oder auch 3 rauf, dann eine längere Rampe, wie man sie von der Mosel kennt und noch einmal durch Serpentinen und wieder eine lange Rampe und endlich endlich sah ich da oben irgendwo den Linus an einer Art Gipfelkreuz. Also hin und ein wunderschöner Blick über die Col de Porte auf den dahinter liegenden Berg aber auch nach Westen, wo dichten Wolken in Richtung Alpen uns entgegen zogen. Dann haben wir noch die Reststraße gesehen: eih, da fahren wir einmal rauf und schauen mal was hinter der Kurve ist. Nach 1,5 km stellte sich heraus, dass da eine bewirtschaftete Almhütte war. Da standen ein paar Autos und liefen ein paar Wanderer, so dass wir entschieden haben die ohnehin fällige Mittagspause einzulegen. Gut und reichlich und nach 1 Std. mal einen Blick nach draußen und dann war es auch schon passiert. Von Westen kam es geradezu schwarz herein. Es donnerte, fing heftig an zu regnen und dann kam der Hagel mit größeren Körnern, heftig und dauerhaft, so dass wir fest saßen, was wollten wir auch machen. Irgendwann hört aber auch ein solches Unwetter auf und als es ein ganz klein wenig klarer wurde, haben wir uns schnell von der Alm gemacht, unterwegs noch ein Bild vom Hagel am Straßenrand. Wir hatten max. 7°.

Es war weiter leicht am regnen und bis Col de Porte waren wir durch den Straßenbelag heftig durchgeschüttelt. Eine krasse Abfahrt und dann den Col de Porte in atemberaubendem Tempo durch das tief eingekerbte Tal runter, am Auto angekommen, splitterpudelnackisch ausgezogen, warme bürgerliche Bekleidung und der nasse Kram hinten im Auto über Lenker, Sattel und Stange gehangen (war dann nach 775 km Heimfahrt immer noch sehr). Dann haben wir zunächst einmal im Buch nachgesehen, was wir denn jetzt da gemacht hatten:

Also der Col du Port ist 1326 und die Almhütte auf knapp 1700. Die Steigungen in der oberen Hälfte 12 bis 14%. Das war zusammen die Strecke, wie Alp d’ Huez und in der Steigung krasser. Aber vor allem sicherer und höchstens 10 Autos die uns begegnet sind, allerdings auch kein einziger Radfahrer.

Nun wissen wir wie es geht. Wir „müssen“ nicht mehr in die Alpen. Ob wir das noch einmal tun ist eine andere Frage.

Linus Knichel & Bernhard Mauel

 

"Bilder zur 'Tour de France'" (#17)

tbnfrank

 


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